Wie In Der Hölle Filmtipp


    
                                                                                                                           98 Min

Ein traumatisches Ereignis in der Kindheit der Schwestern Sophie, Céline und Anne wirft seine mächtigen Schatten voraus. Das Leben der drei erwachsenen Frauen ist geprägt von Misstrauen, Zweifel, Angst und Schmerz. Sophie hegt den dringenden Verdacht, ihr Ehemann könne sie betrügen. Anne hat eine unglückliche Affäre mit einem verheirateten Professor. Und Céline ist gar nicht erst fähig, eine Beziehung einzugehen. Stattdessen kümmert sie sich aufopfernd um die an den Rollstuhl gefesselte vergrämte Mutter. Als wie aus dem Nichts ein geheimnisvoller junger Mann auftaucht, werden die Schwester mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert. Jetzt müssen sie sich ihrer Vergangenheit stellen...

 

NOTIZ

 

Die Trilogie Heaven, Hell und Purgatory (Fegefeuer), die Regiealtmeister Krzysztof Kieslowski vor seinem Tod zusammen mit dem Autor Krzysztof Piesiewicz verfasste, blieb in der Realisierung unvollendet. Nachdem Tom Tykwer 2002 mit HEAVEN den Anfang wagte, folgt nun Oscar-Preisträger Danis Tanovic (NO MAN’S LAND) mit dem zweiten Teil: WIE IN DER HÖLLE ist ein weniger metaphysisches, aber nicht minder intensives Drama über Misstrauen, Verlust und Sehnsucht. Die symbolträchtige Bildsprache der Kamera von Laurent Dailland baut eine faszinierende und drückende Atmosphäre auf. Die elliptische, kunstvolle Erzählweise hält die Spannung bis zum Schluss. Getragen wird Tanovic’bewegendes Drama von einer beeindruckenden Star-Besetzung: Emmanuelle Béart als betrogene Ehefrau und Mutter (NATHALIE, 8 FRAUEN), Karin Viard (DIE NEUE EVA, DELIKATESSEN) als verängstigter Single, die junge Marie Gillain (DER LOCKVOGEL) als unglücklich verliebte Studentin und Carole Bouquet (ZU SCHÖN FÜR DICH, DIESES OBSKURE OBJEKT DER BEGIERDE) als gefühlskalte Mutter. Sie bilden ein facettenreiches Ensemble, das WIE IN DER HÖLLE zu einer beunruhigenden Reise in die Abgründe eines Familiengeheimnisses macht.

 

 

INHALT

Die Bilder im Vorspann – sie zeigen wie ein Kuckucksküken seine Rivalen aus dem Nest stößt – sind wie durch ein Kaleidoskop zersplittert. So beginnt die tragische Geschichte um eine bürgerliche Familie. Erst am Ende wird sich das geheimnisvolle Puzzle zu einem Gesamtbild fügen.

 

Paris in den 80er Jahren. Ein Mann wird nach jahrelanger Haft aus dem Gefängnis entlassen. Als er nach Hause kommt, steht er vor verschlossener Tür. Seine Frau verwehrt ihm den Einlass. Durch den Türspalt weist sie ihn schroff zurück. Im Inneren der Wohnung sind Kinderstimmen zu hören. Gewaltsam verschafft sich der Mann Zutritt. Er will seine Töchter sehen. Vor den Augen der drei Mädchen entfacht ein heftiger Streit, der ein folgenschweres Ende nimmt.

 

Paris, heute. Die drei Schwestern Sophie, Céline und Anne sind erwachsen; jede in ihrem eigenen traumatisierten Leben gefangen, jeden Kontakt zueinander abgebrochen. Die älteste der Schwestern, Sophie (Emmanuelle Béart), ist Mutter von zwei Kindern und mit dem Fotografen Pierre (Jaques Gamblin) verheiratet. Alles scheint in bester bürgerlicher Ordnung bis Sophie eines schönen Tages in den Sinn kommt, ihr Mann könne sie betrügen. Zuerst ist es nur eine Ahnung, ein fixe Idee. Doch dann will sie Gewissheit. Sie beginnt, Pierre hinterher zu spionieren. Tiefer und tiefer gerät sie in die Spirale der Eifersucht. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn auf frischer Tat zu ertappen, folgt sie ihm eines Abends in ein Hotel und tastet sich vor, von Tür zu Tür - auf der Suche nach verräterischen Geräuschen und quälenden Beweisen bis sie schließlich findet, wonach sie sucht. Endlich kann sie der Rivalin ein Gesicht geben. Sophie behält die Entdeckung für sich. Vorerst. Sie ist verletzt, fühlt sich gedemütigt. Verzweifelt versucht sie, ihren Mann zurückzuerobern. Dazu sind ihr alle Mittel recht. Sie stellt ihn zur Rede, streitet, fleht, erpresst, verführt. Wird aber nicht wiederbegehrt. Sophie muss erkennen, dass ihre Ehe gescheitert ist.

 

Einige Zeit später, nach der Trennung. Als Pierre eines Tages überraschend auftaucht um seine Kinder zu besuchen, verweigert Sophie ihm den Zutritt zur Wohnung. Es bahnt sich das gleiche Szenario an, wie einst bei ihren Eltern. Doch glücklicherweise kann ein Drama vermieden werden. Sophie liegt lethargisch in ihrer Wohnung und beobachtet, wie eine Biene langsam in einem Wasserglas zu ertrinken droht. Sie muss ihre Kräfte bündeln, als alleinerziehende Mutter trägt sie die alleinige Verantwortung und Fürsorge. Langsam überwindet sie den Trennungsschmerz. Sie empfindet sogar wieder Lust am Leben. Aber was wirklich in ihr vorgeht bleibt ein Rätsel. Immerhin hat sie ihr einst so düsteres Appartement in hellen Farben gestrichen - so als stehe sie vor einem echten Neuanfang.

 

Die jüngste Schwester, Anne (Marie Gillain), studiert an der Sorbonne Architektur und hat einen besonderen Faible für die griechische Tragödie. Seit einiger Zeit ist sie leidenschaftlich in Frédéric, einen verheirateten Professor, verliebt. Wenn er an der Universität über die Unterschiede zwischen Schicksal und Zufall doziert, hört sie ihm aufmerksam und voller Faszination zu. Dass der charmante grauhaarige Gelehrte vom Alter her ihr Vater sein könnte, findet sie besonders anziehend. Während Anne mit jugendlicher Radikalität an ihre gemeinsame Liebe glaubt, kommen Frédéric gehörige Zweifel an seinem Doppelleben. Schon seit einiger Zeit plagt ihn das schlechte Gewissen. Er entwickelt Schuldgefühle. Dass seine Tochter mit Anne befreundet ist, macht die Situation noch komplizierter.

 

Frédéric ist entschlossen, er will die Affäre beenden. Er beginnt sich Anne zu entziehen, ihr aus dem Weg zu gehen. Was Frédéric aber nicht weiß: Anne erwartet ein Kind von ihm. Als sie merkt, dass er ihre Liebe nicht mehr erwidert, kann sie sich nicht damit abfinden und greift in ihrer Verzweiflung zu drastischen Mitteln. Sie taucht bei ihm Zuhause auf. Will sie ihn zu einer Stellungnahme zwingen? Vor Frédérics Frau und seiner Tochter schildert sie ihre unglückliche Liebe zu einem verheirateten Mann. Frédérics Frau stellt sich nichtsahnend auf die Seite von Anne. Frédéric bekommt kein Wort raus. Er zieht es vor zu schweigen. Die Anspannung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Wird Anne ihn vor seiner Familie bloßstellen? Als Anne klar wird, dass ihre Beziehung keine Chance mehr hat, rennt sie fort und Frédéric hält sie nicht zurück. Zuhause verbrennt sie die Erinnerungsstücke an ihre große Liebe.

 

Anne muss zu einer mündlichen Prüfung an der Universität erscheinen. Ihr Vortrag handelt von Medea (Medea ist eine äußerst leidenschaftliche Frauengestalt der griechischen Sage. In der Tragödie des Euripides gilt sie als Zauberin, Verräterin, Bruder- und Kindesmörderin, aus betrogener Liebe). Frédéric hätte unter den Prüfern sein sollen, aber sein Platz bleibt leer. Er sei mit einer Studiengruppe zur Akropolis gefahren, erklären seine Kollegen. Wenig später sucht Anne eine Abtreibungsklinik auf. Im Wartezimmer fällt ihr Blick auf die Zeitung und darin ist zu lesen, dass Frédéric bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Zufall oder Schicksal? In ihrem Referat wollte sie nicht an die Existenz der Tragödie in der heutigen Gesellschaft glauben.

 

Céline (Karin Viard) lebt allein und zurückgezogen. Als einzige der drei Schwestern kümmert sie sich um die behinderte Mutter (Carole Bouquet), die ihr Leben wortkarg und mürrisch in einem Altersheim außerhalb von Paris fristet. Jeden Sonntag fährt Céline zur ihr aufs Land, schiebt sie im Rollstuhl durch den weitläufigen Park und liest ihr grausame Geschichten von Kannibalen vor. Ihre aufopfernden Bemühungen stoßen auf wenig Gegenliebe. Die alte Frau reagiert kaum auf die Ansprache und Zuwendung ihrer Tochter. Céline kann dem Seniorenheimbewohner Louis (Jean Rochfort) mehr Worte entlocken, als ihrer eigenen Mutter.

Auch im wohlgeordneten Alltag kümmert sich die verschlossene und schüchterne Céline eher um das Wohl anderer Menschen als um ihr eigenes Glück. Das Trauma ihrer Kindheit hat sie fest im Griff. Eines Tages wird Céline von einem jungen Mann (Guillaume Canet) auf der Straße angesprochen. Es gelingt ihr ihn abzuschütteln. Vorerst. Denn tags drauf taucht er wieder auf. Und auch an den folgenden Tagen versucht Sébastien Kontakt zu ihr aufzunehmen. Er beobachtet sie aus dem Bistro vor ihrem Haus und wartet auf ihr Kommen. Seine unaufdringliche Beständigkeit verwirrt Céline. Sie kann sein geheimnisvolles Verhalten nicht deuten: Begehrt er sie? Will er sie etwa verführen? Natürlich sehnt sich Céline nach zärtlicher Nähe, nach schützender Geborgenheit. Aber ist ausgerechnet dieser fremde Mann der Richtige? Als ihr Verlangen ihren Zweifel besiegt, fasst sie sich ein Herz und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Aber gerade, als sie ihre Hüllen vor ihm fallen lässt und ganz entblößt vor ihm sitzt, legt Sébastien ein erschütterndes Geständnis ab. Seine Geschichte bringt die Schwestern einander wieder näher. Die Drei beschließen, gemeinsam zu ihrer Mutter zu fahren, um sie mit der Wahrheit zu konfrontieren.

 

 

PRODUKTIONSNOTIZEN

Im Gespräch mit DANIS TANOVIC

 

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1996 hatte Krzysztof Kieslowski mit seinem Drehbuchautor Krzysztof Piesiewicz die Trilogie Heaven, Hell und Purgatory ausgearbeitet. Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Verfilmung von Hell entschieden?

Ich habe die drei Bücher in der Vorbereitungsphase von NO MAN’S LAND gelesen. Damals wollte ich Purgatory inszenieren. In Purgatory geht es um Krieg, um einen Kriegsfotografen und um Identität. Das Thema war mir nah. Doch dann tourte ich ein Jahr lang mit NO MAN’S LAND durch die ganze Welt. Bei meiner Rückkehr habe ich ein anderes Projekt begonnen, das aber verschoben werden musste, weil die Hauptdarstellerin schwanger wurde. In diesem Moment kam mein Produzent Cédomir Kolar auf mich zu und bat mich, Hell noch einmal zu lesen und neu zu bewerten. Das tat ich auch und war verblüfft, dass ich die Qualität des Stoffes nicht schon beim ersten Lesen erkannt hatte. Die Geschichte um das Schicksal einer Familie weckte plötzlich, wo ich nun selbst verheirateter Familienvater bin, mein ungeteiltes Interesse. Außerdem gefiel mir besonders dieser intime Zugang zu den weiblichen Figuren. Bisher drehten sich meine Filme um Männer in kriegerischen Konflikten.

 

WIE IN DER HÖLLE behandelt ganz grundsätzliche Themen wie Familie, Geschwister, Vaterschaft, aber auch Vertrauen, Verrat, Eifersucht, Leidenschaft, Ablehnung, Einsamkeit und Verlust...

 

Diese Geschichte streift tatsächlich existenzielle Fragen, denen wir unmittelbar ausgesetzt sind. Diese philosophischen Themen behandeln Kieslowski und Piesiewicz mit großer Leichtigkeit, in dem sie von drei scheinbar banalen Geschichten ausgehen. Die Hölle kann Teil unseres Alltags sein. Man muss sie nicht in einem Land suchen, das sich wie Afghanistan im Krieg befindet. Gerade dort habe ich viel glücklichere Menschen getroffen als in Paris!

 

Drei Schwestern, eine Mutter, ein Familiendrama. Wie lässt sich zusammenfassen, was diese vier Frauen verbindet, zugleich aber auch trennt?

 

Das Drama entsteht aus dem Ungesagten, das sich zwischen ihnen ausgebreitet hat. Mich interessiert, wie diese Form des Schweigens im Verhältnis zur Erinnerung des Körpers steht. Eines Tages hat mir ein Astrologe auf den Kopf zu gesagt: "Sie haben einen Bruder oder eine Schwester verloren - wie haben Sie diesen Verlust erlebt und verarbeitet?" Ich erklärte ihm, dass ich keine Geschwister hatte. Trotzdem war ich verwirrt und rief meine Mutter an. Sie gestand mir, sie habe früher eines ihrer Kinder verloren. Als 34-Jähriger bin ich also auf dieses Geheimnis, dem nicht Ausgesprochenen gestoßen und war verstört. Die vier Frauen in WIE IN DER HÖLLE werden sich einander nähern, indem sie einen abgebrochenen Dialog wieder aufnehmen. Erwachsensein heißt, sich mit seinen eigenen Fragen und seiner eigenen Wahrheit auseinander zu setzen.

 

Im Film scheinen sich die vier Frauen mit dem Abbruch der familiären Bindungen abgefunden zu haben...

 

Ich habe mal in einem Buch gelesen: „Es ist selten zu sehen, dass die Mitglieder einer Familie unter dem gleichen Dach leben." Diese vier Frauen sind sehr verschieden. Die Mutter ist gefühllos und sehr resolut. Tochter Céline verkörpert dagegen ein wenig den Heiland der Familie. Sie hat sich die ganze Trauer aufgeladen und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Schwester Sophie ist trotz ihrer Schönheit und ihres gesellschaftlichen Erfolgs vollkommen verloren, eine Art wandelnder Schmerz. Das Nesthäkchen Anne symbolisiert die jungen Frauen ihrer Generation, sie revoltiert gegen die bestehende Ordnung und verwirklicht ihre Wünsche und Begierden, ohne darüber nachzudenken, welche Schäden sie dadurch anrichtet.

 

Die Männer scheinen beinahe abwesend zu sein. Jeder von ihnen ist in ein Doppelleben verstrickt...

 

Vor Männern habe ich wenig Achtung - bestimmt, weil ich selber einer bin! Männer und Frauen leben auf zwei verschiedenen Planeten. Mich wundert, wie sie trotzdem zusammen sein können. Im Film wirkt der Vater zunächst wie ein schlechter Vater, bevor sich am Ende herausstellt, dass er der einzig wirklich gute Kerl in der ganzen Geschichte ist. Kieslowski liefert zu dieser Figur keine Erklärungen, aber man merkt, dass dieser Mann das Kind entlasten wollte, um ihm ein verpfuschtes Leben zu ersparen. Er nimmt die Schuld auf sich, geht ins Gefängnis, verliert das Vertrauen seiner Familie und begeht schließlich Selbstmord. In dem er Gutes tun wollte, hat er am Ende sich und das Leben seiner Familie zerstört. Mich interessiert die Frage nach der Bedeutung von Gut und Böse sehr.

 

Ist die Geburt eines Kuckucks am Anfang des Films eine Metapher für diese Frage nach Gut und Böse?

 

Der Kuckuck nistet sich in einem fremden Nest ein, um dort seine Eier zu legen. Wenn ein Kuckuck schlüpft, stößt er die anderen Eier aus dem Nest. Ist das eine Grausamkeit der Natur? Grausamkeit ist eine Erfindung der Menschen. Als der Vater aus dem Gefängnis kommt, findet er ein Kuckuck-Küken auf der Erde und legt es zurück ins Nest. Er glaubt, er habe eine gute Tat vollbracht, er weiß nicht, dass er damit gerade das Todesurteil der anderen Küken im Nest unterzeichnet hat. Diese Geschichte klingt grausam, aber was bedeutet Grausamkeit? Was ist gerecht, was ungerecht, was ist gut und was ist böse? Ist das Verhalten der Mutter richtig oder falsch?

 

Wollen Sie als Regisseur die Wahrheit in Frage stellen?

 

Ich habe einmal an der Front unter so heftiger Bombardierungen gedreht, dass ich bei einem Freund Schutz suchen musste. Er stand seelenruhig an seiner Staffelei und malte ein Bild vom schneebedeckten Sarajewo. Ich war wütend auf ihn, weil mir sein Verhalten unbegreiflich vorkam. „Was soll ich denn tun?" frage er, „ich bin Maler, also male ich!" Seine Reaktion gab mir zu denken und die Idee zum Drehbuch von Portraits von Künstlern im Krieg. Darin gibt es vier Figuren. Der Erste, ein Maler, behauptet, ähnlich wie mein Freund: „Während des Kriegs besteht die Rolle des Künstlers darin, die Kultur zu schützen." Der Zweite, ein Fotograf, antwortet ihm: „Nach dem Krieg in Sarajewo gibt es keine Kunst mehr, denn dort regiert der Tod", und zeigt ihm Fotos von zerfetzten Körpern. Der Dritte, ein zur Armee befohlener Bildhauer, kehrt jeden Abend von der Front in sein Atelier zurück, denn er ist der Überzeugung: „Der Soldat zerstört, der Künstler schafft". Die vierte Figur, auch ein Soldat erwidert: „Greif zum Gewehr und verteidige deine Stadt. Wenn wir überleben, werden wir sehen, was Kunst bedeutet." Alle vier Figuren verkörpern ihre eigene Wahrheit, jeder könnte Recht haben. Das Gleiche gilt für die Menschen in WIE IN DER HÖLLE.

 

Im Film gibt es korrespondierende Handlungsstränge: Pierre betrügt seine Frau Sophie und wird von seiner Geliebten verlassen. Frédéric betrügt seine Frau, lässt aber seine Geliebte Anne im Stich, als sie ein Kind von ihm erwartet. Auch andere Szenen finden ein Echo im Film. Pierre, aber auch der Vater verlieren den Verstand, als ihre Frauen sie daran hindern, ihre Kinder zu sehen...

 

Ja, aber wenn sich im Film eine ähnliche Situation 20 Jahre später wiederholt, wird eine Tragödie vermieden. Ich sehe ein Zeichen der Hoffnung in diesem Stoff. Die junge Generation wird möglicherweise nicht den selben Fehler machen. Ja, selbst in der Hölle kann es einen Hauch von Optimismus geben!

 

Sophie und Anne reagieren auf das Verlassenwerden mit Selbstzerstörung...

 

Liebe ist egoistisch und zerstörerisch. Wie viele schöne Frauen leiden, weil ihnen die Liebe fehlt oder weil ihnen das Herzen gebrochen wurde? Der Film zeigt auch, dass die westeuropäische Gesellschaft den Familiensinn verloren hat. Der individuelle Egoismus wird uns zerstören. Nachdem ich jahrelang den Krieg erleben musste, bin ich immer wieder schockiert zu sehen, wie sehr die Menschen sich das Leben zur Hölle machen - vor allem in einem Umfeld, das ihnen zum Glück verhelfen könnte. Wir lassen uns vom ungebremsten Materialismus mitreißen, der am Ende unser Leben ruiniert. Wir rennen herum, um zweitrangige Güter anzuhäufen, aber was uns wirklich fehlt, ist die Liebe.

 

Gibt es in Zeiten des Krieges mehr Taten der Liebe?

 

Im Krieg gibt es unglaublich viel Liebe. Liebe, das ist meine Mutter, die im Angesicht der Scharfschützen 20 Liter Wasser holen geht, damit ihre Familie zu trinken hat und sich waschen kann. Liebe, das ist wenn man hungert und trotzdem sein letztes Stück Brot teilt.

In diesem Film gibt es diesen Zusammenhalt nicht mehr. Wenn die Figuren sich gegenseitig offen den Krieg erklärt hätten, könnten sie ihre Probleme schneller lösen. Ein Konflikt ist eine Art von Beziehung, die zu einer Lösung führen kann. Aber die fehlende Kommunikation, das Unausgesprochene zerstört jede Bindung und trägt dazu bei, die gleichen Fehler zu wiederholen.

 

Die Figur der Mutter lässt sich mit Medea vergleichen. Sie „tötet" ihre drei Töchter, indem sie ihnen den Vater verweigert...

 

Diese Medea wird im Film wie durch ein Kaleidoskop betrachtet. Die Mutter tötet ihre Kinder zwar nicht physisch, zerstört aber die Zukunft der Mädchen und auch die Familienbande. So wie es Anne in ihrem Vortrag über Medea an der Universität sagt: „Heutzutage ist eine Tragödie nicht mehr möglich." Diese Passage, genauso wie den Monolog von Frédéric an der Sorbonne, habe ich den Vorlesungen meines Professors für Theater in Sarajewo entnommen. In allen Filmen Kieslowskis findet man diese Frage nach dem Schicksal und den Zufällen.

 

Die Geschichte erzählt nicht nur ein bürgerliches Drama über die Untreue der Paare. Indem sie sich ihren inneren Konflikten nähern, geben sie ihren Figuren eine tragische Dimension...

 

Da ich nicht aus einer bürgerlichen Familie komme, habe ich eben eine andere Sicht der Dinge. „Der Sinn der Tragödie besteht darin, die Natur des Menschen zu hinterfragen", sagt Anne in ihrem Vortrag über Medea. Die griechische Gesellschaft kannte die Tragödie, weil die Griechen glaubten, mehrere Götter seien in ihr persönliches Schicksal verwickelt. Sie lebten mit der Gegenüberstellung von Sterblichem und Göttlichem. Heutzutage ist die Tragödie unmöglich geworden, weil unsere materialistische Gesellschaft Gott vergessen hat. Das Einzige, was uns bleibt, ist das Drama. Selbst wenn ein Drama tragisch sein kann, ist es von einer Tragödie weit entfernt.

 

Tragen die drei Frauen am Anfang der Geschichte die Schuld ihres Vaters wie ein Schicksal?

 

Ja, aber andere würden sagen, dass es sich hier bloß um Zufälle handelt. Indem sie das unausgesprochene Tabu brechen, finden sich die drei Schwestern wieder und können freier leben. Es gibt nicht nur eine einzige Antwort auf die Frage nach der Existenz der Zufälle oder des Schicksals. Heutzutage will man eine Erklärung für alles haben, man will alles wissen, alles kontrollieren, alles vereinfachen. Das ist die „instant generation", eine schnelllebige Generation des Augenblicks, die kurze und schnelle Antworten fordert.

Mein Vater trug die Uhr seines Vater, der sie wiederum von seinem Vater bekommen hatte. Heute konsumiert man, wirft weg und kauft neu. Man verlässt die Frau, mit der man Kinder hat, um mit einer anderen durchzubrennen. Die traditionelle Vorstellung von Familie ist zerbrochen. Nur noch das Geld zählt. Das ist eine Gesellschaft der Leere. Wir wollen nicht zugeben, dass uns dieses Leben nicht gefällt aber gleichzeitig sind wir depressiv, unglücklich, und haben Probleme. Nicht alles hängt von uns selber ab. Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt. Nach einer glücklichen Kindheit habe ich während des Kriegs in Bosnien eine schwere Zeit durchgemacht, aber war immer von meiner Familie umgeben. Dann bin ich als Flüchtling nach Frankreich gekommen und habe die andere Seite des Spiegels gesehen.

Mit diesem Film will ich so einfach wie möglich von komplizierten Dingen reden. Meine Filme sind nicht pessimistisch oder negativ, aber sie zeigen schwierige Situationen, die uns hart vorkommen mögen. Ich schätze Kieslowski, weil er sich als Handwerker des Kinos sieht. Ich bin kein Künstler und ich liefere keine Antworten. Lasst uns Fragen stellen und die Antworten gemeinsam suchen!

 

In Ihrem Film verwenden Sie zahlreiche Metaphern - wie zum Beispiel das vorm Ertrinken gerettete Insekt oder das Bild von Anne, die auf einem auf den Boden aufgezeichneten Hüpfspiel zwischen Himmel und Hölle steht...

 

Es gab schon ein ähnliches Bild von einem Insekt in Kieslowskis Mini-TV-Serie „Dekalog" – es ist als Hommage an ihn zu verstehen. Ich halte den Zuschauer für erwachsen genug, um ihn nicht mit fertigen Antworten zu füttern. Ich versuche, ihn in einen Gefühlszustand zu versetzen, der ihm den Weg zu eigenen Antworten weisen kann. Manchmal helfe ich mit kleinen Hinweisen, denn ein Objekt kann anschaulich das Innere einer Figur oder einer Situation verkörpern. Ich habe zum Beispiel zwei Tage vor Beginn der Dreharbeiten im Castingbüro eine Pflanze entdeckt, deren Blätter sich bei der kleinsten Berührung zusammenziehen. Ich habe sie also sofort in einer Szene mit Céline eingesetzt. Diese Frau verschließt sich, sobald man sich ihr nähert oder sie berührt. Der Szene im Café, in der Sébastien Céline ein Gedicht vorliest, habe ich das Geräusch eines defekten Ventilator hinzugefügt. Dieser leicht schabende Ton, den man nur unbewusst wahrnimmt, verstärkt das Gefühl, das zwischen den beiden etwas nicht stimmt. Das Leben besteht aus kleinen Dingen. Mein Vater hat immer gesagt: „Der Mensch glaubt, an einen Berg zu stoßen, aber er stolpert bloß über einen Kieselstein."

 

Als Sébastien Céline zum ersten Mal anspricht, sagt er: „Wenn wir unschuldige Zivilisten töten, sind das Kollateralschäden, aber wenn andere dasselbe tun, sind es Terroristen."

 

Um Kontakt mit Céline aufzunehmen sagt Sébastien im Originaldrehbuch: „Dieser Terroristenanschlag ist verrückt!" Ich habe den Text umgeschrieben, um darin meine Meinung zum Krieg im Irak und zu unserer heutigen Welt auszudrücken. Man vergisst oft, die Münze von beiden Seiten zu betrachten. Ich bin nicht in der Lage, wie Sébastien 20 Jahre zu schweigen, ich sage das, was ich denke.

 

Sébastien zitiert auch den Text von Mesa Selimovic, einer wichtigen bosnischen Schriftstellerin: "Ich habe mich auf der Suche verloren." Trifft dieser Satz auf jede der Figuren des Films zu?

 

Nicht nur das, er trifft auf uns alle zu. Je mehr ich lerne, desto weniger weiß ich. Das Leben ist zu kurz, um alles zu lernen, was man wissen sollte. Ich liebe dieses Gedicht von Mesa Selimovic und „Die Festung" ist mein Lieblingsbuch. Das Originaldrehbuch schlug einen Text von Joseph Brodsky vor. Aber ich habe mich für Selimovic entschieden, weil sie mich auf eine intimere Weise ansprach. Ich dachte, dass auch die für Poesie empfängliche Céline sich von diesen Worten berührt fühlen müsste. Sie verliebt sich wegen dieses Gedichts.

 

In den spannungsgeladenen Situationen des Films blitzen oft überraschend humorvolle Momente auf. Etwa die Geschichte vom Huhn, das 18 Monate mit einem abgehackten Kopf überlebt hat oder die schüchterne Art, mit der der Schaffner Céline seine Liebesbotschaften zukommen lässt...

 

So gehe ich mit der Härte des Lebens um - man sollte immer darüber lachen können. Ein jüdischer Freund erzählte mir, dass die Menschen im Warschauer Ghetto ihren Sinn für Humor auch in den schrecklichsten Momenten nie verloren haben. Im Originaldrehbuch geschieht nicht viel, als Céline ihre kranke Mutter besucht. Sie sitzen bloß zusammen. Ich fand es aber gerade in dieser, ein wenig an Bergmann erinnernden Szene, amüsanter, dass Céline ihrer Mutter unglaubliche Geschichten von Kannibalen und kopflosen Hühnern vorliest. Nach so vielen Jahren, in denen sie ihre Mutter besucht, ohne mit ihr wirklich zu kommunizieren, muss Céline der Gesprächsstoff ausgehen. Warum sollte sie ihr also nicht aus dem Guiness Buch der Rekorde vorlesen? Ich versuche, ein wenig Abstand zu den heftigen Situationen zu finden. Denn ich will den Zuschauer nicht foltern, sondern ihn aus der Fassung bringen, ihn zu eigenen Fragen anregen.

 

Haben Sie beim Drehen des Films auch an Bergmann oder Antonioni gedacht?

 

Diese Regisseure gehören zu meiner Kinokultur. Ich fühle mich Kieslowski eng verbunden und seine slawische Seele ist Teil meiner Familie, aber ich wollte keinen Film nach dem Vorbild eines anderen Regisseurs machen. Beim Lesen des Drehbuchs wollte ich immer herausfinden, was das Wesentliche jeder Szene ausmacht und was sie zum Gesamtbild beiträgt. Erst dann habe ich mir meinen eigenen Film erträumt. Ich arbeite liegend auf der Couch - wie bei einer psychologischen Sitzung. Der Patient Danis erzählt dem Doktor Tanovic seine Geschichte! Ich habe dabei so genaue Visionen, dass ich danach sehr schnell drehen und schneiden kann. Der Schnitt von WIE IN DER HÖLLE war in zehn Tagen fertig.

 

Die Farben und Dekors tragen zur befremdenden Stimmung des Films bei. Wir betreten Labyrinthe aus Gängen, Türen und offenen Fenstern. Wollten Sie diese seltsame Atmosphäre mit der Musik unterstreichen, die sie zum Teil selber komponiert haben?

 

Als Musiker habe ich das Gefühl, dass Musik enger mit dem Kino verbunden ist, als mit Literatur. Ich lasse die Schauspieler oft proben, indem ich ihnen dabei die musikalischen Leitmotive ihrer Szenen vorspiele. Manche Szenen mussten im Studio gedreht und nachgebaut werden. So haben wir beispielsweise das Treppenhaus des Hotels nachgebaut, um diese erstaunliche spiralförmige Treppe zu zeigen, die mich an ein weibliches Geschlecht erinnert. Die Architektur dieses Ortes spiegelt den Zustand der Verlorenheit, in der sich die Figur Sophie befindet.

 

Hat jede der Schwestern Sie zu einer dominierenden Farbe inspiriert?

 

Für Sophie habe ich Rot gewählt, die Farbe der Leidenschaft, der Liebe, der Eifersucht, der Sinnlichkeit, aber auch der Gewalt. Céline trägt das Blau der Trauer, des Wartens, der Melancholie und ihrer stillen Resignation. Bei Anne, die jüngste der drei Schwestern dachte ich an das Grün der Unschuld, des Aufblühens und der möglichen Erneuerung. Diese Farben sind nicht unbedingt vordergründig sichtbar, aber wurden vom Kameramann Laurent Daillant in verschiedenen Nuancen interpretiert. Er und die Schauspielerinnen formten eine Art Symbiose, die das gegenseitige Vertrauen auf dem Set noch erhöhte. Ich kann nicht in einer konfliktgeladenen Atmosphäre arbeiten. Es ist entscheidend, dass sich die Schauspieler wohl fühlen, vor allem wenn sie so intensive Gefühle ausdrücken sollen.

 

Wie sind Sie auf die außergewöhnliche Besetzung gekommen?

 

Die Wahl der Schauspieler wurde nicht von kommerziellen Überlegungen bestimmt. Ich wollte mich mit Schauspielern umgeben, deren Talent und Persönlichkeit ich schätze.

 

Emmanuelle Béart hat alles gegeben. Es ist beeindruckend, wie sehr sie sich auf ihre Figur einlässt. Für diese Rolle hat sie den Schmerz und die Trauer so tief empfunden, dass ihr Blick wie von Tränen verschleiert wirkt. Man würde sie am liebsten trösten, aber gleichzeitig kann sie einem auch Angst machen.

 

Karin Viard ist genau die Schauspielerin, die ich suchte, um die Rolle einer einsamen Frau zu verkörpern, die sich um ihre alte Mutter kümmert und die sich danach sehnt, von einem Mann betrachtet, umarmt und liebkost zu werden. Karin hat einen ganz besonderen Charme und ein große Auswahl an Ausdrucksmöglichkeiten von Stimmungen und Gefühlen. Im wahren Leben ist sie das genaue Gegenteil von Céline: eine starke, gesprächige und lustige Frau.

 

Marie Gillain ist eine seltene Schönheit. Sie bringt eine Unbefangenheit und Unschuld mit, die ihre Figur charakterisieren und sie beherrscht den Ausdruck von jungen Mädchen, die unter ihren Gefühlen leiden, weil sie auf die falsche Art lieben.

 

Carole Bouquet ist eine mutige Schauspielerin. Sie war bereit, für diese Nebenrolle zu altern und stand vor der schweren Aufgabe, starke Gefühle mit einem minimalistischen schauspielerischen Ausdruck darzustellen. Carole schockiert in der gewalttätigen Szene mit ihrem Mann. Und wenn sie sich in ihrem Rollstuhl in das völlige Schweigen zurückzieht, strahlen ihre Augen eine unglaubliche Stärke und Entschlossenheit aus.

 

Jacques Perrin: Ich wäre gerne so wie er, wenn ich ein paar Jahre mehr auf dem Buckel habe! Er ist ein großartiger Mann, ein Gentleman mit einem natürlichen und verführerischen Charme. In seinem Gesicht kann man noch die Spuren seiner Kindheit entdecken, Sanftheit, und einen Beschützerinstinkt. Ich kann gut verstehen, dass Anne sich von ihm angezogen fühlt.

 

Jacques Gamblin wurde mir von Emmanuelle Béart empfohlen. Es ist entscheidend, dass eine Schauspielerin mit einem Partner arbeiten will, der ihren Ehemann spielen soll. Jacques ist entzückend. Anfangs blieben wir auf Distanz, weil wir uns noch nicht kannten, aber dann haben wir schnell zusammengefunden. Jacques trifft beim Spiel immer den richtigen Ton.

 

Guillaume Canet. Seine sympathische Art zieht mich an: Er ist ein junger Mann ohne Komplexe, der sich in seiner Haut wohlfühlt. Guillaume hat problemlos die zwei Herausforderungen seiner Rolle gemeistert. Er musste eine Figur spielen, die älter ist als er und er sollte in seiner Darstellung eines Homosexuellen ein rührendes aber auch hartes Bild vermitteln. Ich wollte das Klischee vom eleganten und affektierten Homosexuellen vermeiden. Guillaume ist ein ausgezeichneter, vielversprechender Schauspieler und die besten Rollen warten schon auf ihn.

 

Jean Rochefort. Was für ein großartiger Mann! Was für ein Schauspieler und was für ein Humor! Als Regisseur kann es einen beinahe wütend machen, mit einem solchen Schauspieler zu arbeiten, weil er praktisch ohne jede Anweisung auskommt. Schon bei der ersten Einstellung war er einfach fehlerlos. Wir habe uns kennen und schätzen gelernt, als wir beide Mitglieder in der Jury des Festivals von Cannes waren. Jean Rochefort ist in meinen Augen als einziger Mann in der Lage, einen weißen Anzug zu tragen ohne wie ein Mafiosi auszusehen. Würde ich einen tragen, würde man mich sofort verhaften!

 

Miki Manojlovic ist einer der besten Schauspieler des ehemaligen Jugoslawiens, den ich schon als Kind bewunderte. Miki hat eine unglaublich Art, den Raum zu füllen. Und ähnlich wie Pacino hat er als Schauspieler eine starke Anziehungskraft. Man kann die Augen nicht von ihnen lassen, selbst wenn er frühstückt ohne ein Wort zu sagen!

 

Wie sähe ihre Vorstellung vom Himmel aus, nachdem sie schon durch die Hölle gegangen sind?

 

Ich weiß es nicht. Wenn diese drei reizenden Schwestern die Hölle verkörpern, wie muss dann wohl das Paradies aussehen? Ich habe mein Paradies auf Erden gefunden. Ich habe eine wunderbare Familie und arbeite im Beruf meiner Träume - was will ich mehr?

 

BESETZUNG

 

Emmanuelle Béart

(Sophie)

Emmanuelle Béart wird als Tochter des Chansonniers Guy Béart und des Models Geneviève Galea im Süden Frankreichs geboren. Bereits mit sieben Jahren steht Béart in dem Gangsterfilm TREIBJAGD von René Clement das erste Mal vor der Kamera. Nach einer kurzen Ausbildung an einer Pariser Theaterschule bekommt sie 1984 ihre erste große Rolle in L'AMOUR EN DOUCE von Edouardo Molinaro. Der Durchbruch aber gelingt ihr in Claude Berris Pagnol-Verfilmungen JEAN DE FLORETTE und MANONS RACHE. Mit natürlichem Temperament verkörpert sie eine wilde Ziegenhirtin in der Provence und wird dafür mit dem César als beste weibliche Nebendarstellerin ausgezeichnet. In dieser Zeit verliebt sie sich in den Schauspieler Daniel Auteuil, mit dem sie zehn Jahre zusammenleben wird. Durch den großen Publikumserfolg von MANONS RACHE werden viele Filmregisseure auf ihre schauspielerische Kraft und Sinnlichkeit aufmerksam. Béart macht aber nicht nur Film, sie überzeugt auch auf der Bühne in Stücken von Marivaux oder Strindberg.

 

Nachdem sie als Drogenabhängige in WILDE Kritik und Publikum durch ihre rohe Energie und sensible Interpretation beeindruckt, bekommt sie Rollenangebote von den renommiertesten französischen Autorenfilmern. Für den diskreten Altmeister der Nouvelle Vague, Jacques Rivette, spielt sie das schöne, von Michel Piccoli gemalte Aktmodell in DIE SCHÖNE QUERULANTIN, und das vierstündige Meisterwerk wird in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Sinnlich zeigt sie sich auch in André Téchinés ICH KÜSSE NICHT als vom Leben enttäuschte Prostituierte. In Claude Chabrols Ehedrama DIE HOELLE treibt sie ihren eifersüchtigen Ehemann gar als leidenschaftliche Verführerin an den Rand des Wahnsinns.

 

Mit ihrem Vorbild Romy Schneider verbindet sie die erotische und zerbrechliche Ausstrahlung und eine innere Stärke. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sie in den letzten beiden Filmen von Claude Sautet auf den Spuren der zu früh verstorbenen Schauspielerin zwei ihrer wichtigsten Rollen findet: als Verwirrung stiftende Violistin in EIN HERZ IM WINTER und als Vertraute eines alten Schriftstellers in NELLY & MONSIEUR ARNAUD. Nach ihrem Porträt einer leidenschaftlichen Kriegerwitwe in EINE FRANZÖSISCHE FRAU von Régis Wargnier macht sie einen kurzen Abstecher nach Hollywood, um in Brian de Palmas MISSION IMPOSSIBLE an der Seite von Tom Cruise zu spielen. Relativ unbeeindruckt von der internationalen Erfahrung kehrt sie wieder nach Frankreich zurück. Dort verkörpert sie die Heldin von Olivier Assayas' historischer Familiensaga LES DESTINEES SENTIMENTALES und lehrt als Gilberte in Raoul Ruiz' Proust-Adaption DIE WIEDERGEFUNDENE ZEIT an der Seite von Catherine Deneuve dem jungen Marcel Proust das Lieben. Als umtriebiges Hausmädchen bereichert sie das Star-Ensemble von François Ozon 8 FRAUEN und spielt unter der Regie von André Téchiné in LES EGARES eine vor den Nazis fliehende Mutter. Kurz darauf bietet Jacques Rivette ihr eine erotische Rolle im Vexierspiel DIE GESCHICHTE VON MARIE UND JULIEN an. Auch in NATHALIE sorgt sie als Call-Girl im Auftrag einer betrogenen Ehefrau für Verwirrung.

 

In letzter Zeit hat die wandlungsfähige Schauspielerin aber nicht nur ihr dramatisches, sondern auch öfter ihr komisches Talent bewiesen, wie etwa bei Ozon aber auch als hyperaktive Hysterikerin in LA BUCHE oder in der Feydeau-Verfilmung UN FIL A LA PATTE von Michel Deville. Neben ihrer Arbeit als Schauspielerin engagiert sich Emmanuelle Béart politisch und sozial. Im Jahr 1996 wird sie kurzfristig wegen ihrer Solidarität für Einwanderer und Asylbewerber verhaftet, was sie den Werbevertrag mit Dior kostete. Nachdem sie in WIE IN DER HÖLLE als betrogene Ehefrau eine von drei Schwestern spielt, wird sie demnächst in LES TÉMOINS von André Téchiné und im Thriller A CRIME von Manuel Pradal zu sehen sein.

Filmografie (Auswahl)

2006 LES TÉMOINS

Regie: André Téchiné

LE HÉROS DE LA FAMILLE

Regie: Thierry Klifa

A CRIME

Regie: Manuel Pradal

2005 L’ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

UN FIL À LA PATTE

Regie: Michel Deville

2003 NATHALIE

Regie: Anne Fontaine

LES ÉGARÉS

Regie: André Téchiné

A BOIRE

Regie: Marion Vernoux

2002 HISTOIRE DE MARIE ET JULIEN

(Die Geschichte von Marie und Julien)

Regie: Jacques Rivette

2001 FEMMES (8 Frauen)

Regie: François Ozon

2000 LA RÉPÉTITION

Regie: Catherine Corsini

1999 LES DESTINÉES SENTIMENTALES

Regie: Olivier Assayas

ELEPHANT JUICE

Regie: Claude Miller

LA BUCHE

Regie: Danielle Thompson

1998 TEMPS RETROUVÉ (Die wiedergefundene Zeit)

Regie: Raul Ruiz

1997 LE VOLEUR DE VIE

Regie: Yves Angelo

1996 MISSION IMPOSSIBLE

(Mission Impossible)

Regie: Brian de Palma

1994 FEMME FRANÇAISE (Eine französische Frau)

Regie: Régis Wargnier

NELLY & MONSIEUR ARNAUD

Regie: Claude Sautet

1993 L'ENFER (Die Hölle)

Regie: Claude Chabrol

1991 J'EMBRASSE PAS (Ich küsse nicht)

Regie: André Téchiné

1991 UN COEUR EN HIVER (Ein Herz im Winter)

Regie: Claude Sautet

LA BELLE NOISEUSE (Die schöne Querulantin)

Regie: Jacques Rivette

1989 LES ENFANTS DU DÉSORDRE (Wilde Kinder)

Regie: Yannick Bellon

1987 DATE WITH AN ANGEL (Verabredung mit einem Engel)

Regie: Tom Mac Laughlin

1986 MANON DES SOURCES (Manons Rache)

Regie: Claude Berri

1985 JEAN DE FLORETTE

Regie: Claude Berri

1984 L'AMOUR EN DOUCE (Der Filou)

Regie: Edouard Molinaro

1983 PREMIERS DÉSIRS (Erste Sehnsucht)

Regie: David Hamilton

 

Im Gespräch mit Emmanuelle Béart

 

Die drei Schwestern sind durch die Schuld verbunden. Sophie, die Älteste, fühlt sich besonders verantwortlich für das Drama, das sich in der Familie abgespielt hat. Als kleines Mädchen hat sie ihrem Vater nicht geöffnet, als er bei seiner Rückkehr aus dem Gefängnis an die Tür des Kinderzimmers klopfte. Stattdessen hat sie die Musik aufgedreht, um den sich vor der Tür abspielenden Streit zu übertönen. Sie wollte ihre beiden jüngeren Schwestern schützen, die wie gelähmt die gewalttätige Auseinandersetzung ihrer Eltern durch die Tür akustisch verfolgten. Später muss sich Sophie dann gesagt haben, dass die Dinge einen weniger tragischen Verlauf genommen hätten, wenn sie sich anders verhalten und eingegriffen hätte.

 

Diese Kinder, deren Vater sich umgebracht hat, haben das Gefühl völlig verlassen und aufgegeben worden zu sein. Da sie auch mit ihrer Mutter keinen Frieden geschlossen haben, sind sie sich gegenseitig fremd geworden. In dieser zerbrochenen Familie versucht jeder, sich und sein Leben wieder aufzubauen, indem er die Vergangenheit verdrängt. Das funktioniert aber nicht. In diesem Krieg gegen sich selbst haben sie sich bewaffnet - und sind trotzdem völlig schutzlos.

 

In der Gegenwart wird Sophie von ihrem Mann betrogen, der sich in seiner Beziehung eingerichtet hat und gleichzeitig ein Doppelleben mit einer anderen Frau führt. Instinktiv und schrittweise zieht sie den Vorhang auf und entdeckt die Lügen. Dieser Verrat trifft sie besonders hart, weil sie darin das Gefühl des Verlassenseins findet, das sie schon in ihrer Kindheit schmerzlich erlebt hat. Sie ist in einer derartig zerstörerischen Phase, in der man die Lust am Leben verliert. Sie steht morgens nicht mehr auf, lässt sich gehen und kümmert sich auch nicht mehr um ihre Kinder. Dieses Verhalten ist sehr menschlich und körperlich: Man kann einfach nicht mehr. Sie hat Angst, ihren Kindern weh zu tun, da sich das alte Schema ihrer eigenen Kindheit zu wiederholen scheint. In diesen Momenten, in denen man sich kaum noch auf den Beinen hält, sind es paradoxerweise unsere Kinder, die uns retten. Wir Frauen wissen das. Die Kinder schenken Sophie wieder Lust am Leben und helfen ihr beim Neuanfang. Das alles kann man nicht unbedingt im Film sehen, aber so hatte ich es beim Drehen im Kopf.

 

Um tief in die Schuldgefühle von Sophie einzudringen, wollte ich keine körperliche Zerstörung zur Schau stellen, sondern den Zustand des Schmerzes sichtbar machen, der in ihrem Gesicht und ihrem Blick jede Form von Verlangen verschwinden lässt. Das ist viel erschreckender. Wenn Sophie auf dem Sofa liegt und ungerührt beobachtet, wie eine Biene in einem Glas ertrinkt, wollte ich diese gefährliche Abwesenheit spürbar machen. Die Biene will sich retten und findet die Kraft, sich an einem Strohhalm aus dem Wasser zu ziehen, aber der sie beobachtende Mensch hat keine Kraft mehr zu kämpfen.

 

Sie ist so verwirrt, dass sie auf anstößige Weise provokant handelt. Dass sie etwa nach der Dusche ihren nassen Körper an den ihres schlafenden Mannes schmiegt, ist schrecklich und verstörend! Je mehr sie ihren Mann Pierre provoziert, desto mehr erniedrigt sie sich. Sie wirft sich zwanzig Mal gegen die Tür auf der Es ist vorbei! steht. Pierre hat eine Art Eisernen Vorhang errichtet, aber sie nimmt immer wieder Anlauf, um ihn einzurennen.

 

Ich verstehe Sophie als Figur, denn wir haben eine ähnliche Wellenlänge. Sie ähnelt mir nicht, sie verkörpert nicht mein Leben, aber sie ist eine dieser Frauen, die uns faszinieren und fesseln. Sophie ist wie jeder unter uns, der nach einer durchwachten Nacht den anderen nach seiner Rückkehr fragt: „Wirst du mir sagen, wo du die ganze Zeit warst?". Es gibt nichts Schlimmeres, als sich den Betrug auszumalen. Sophie will wissen, wer die Andere, diese Rivalin ist: „Was hat sie, was ich nicht habe? Ist es ihr Gesicht, ihr Körper, ihr Geruch?" Ich kann das seltsame Verhalten von Sophie verstehen, dass sie sich der Geliebten ihres Mannes nähert, um an ihr zu riechen. Das ist gut beobachtet, aber man braucht Mut, um eine solche Szene zu filmen. Danis Tanovic versteht genau, was in einer Frau in diesem Moment vorgeht.

 

Da Tanovic Jacques Gamblin für die Rolle des untreuen Ehemann wählte, konnte das Klischee vom männlichen Verführer vermieden werden. Die seltsame Mischung aus männlichen und weiblichen Elementen dieses guten Schauspielers machte die Figur so zerbrechlich, dass man sie nicht bloß als Miststück sieht. Das Leben ist nicht so einfach wie man glaubt. Sophies Leben ist nicht schmerzhaft, weil sie mit einem Mistkerl verheiratet ist, sondern weil ihre eigene Geschichte schrecklich ist: ihre Kindheit, ihr Verhältnis zur Weiblichkeit und ihre Beziehung zu Männern.

 

Ich habe selten einen Regisseur wie Danis Tanovic getroffen, der seinen Schauspielern so viel Freiraum gibt. Er sagte mir: „Ich bin keine Frau, also weißt Du vieles besser als ich." Unter seiner rauen männlichen Schale versteckt Danis eine tiefe weibliche und kindliche Sensibilität. Er hört dem Anderen aufmerksam zu und hat eine Feinheit mit vielen Nuancen, Dissonanzen und Variationen. Danis ist ein organischer Mensch - so wie ich. Ich habe mir gesagt: „Diesmal habe ich jemanden gefunden, der genauso animalisch ist wie ich." Er ist begeistert von der Arbeit der Schauspieler und neugierig darauf, was wir durch unsere Figur ausdrücken wollen. Mir gefiel seine Art, ständig zu fragen: „Alles in Ordnung? Kannst du wirklich so weit gehen?" Ich antwortete dann: „Ich weiß es nicht, aber ich bin dazu bereit."

 

Da drei Hauptdarstellerinnen getrennt drehten, war Danis so schlau, jede seiner Schauspielerinnen glauben zu lassen, sie wäre die Frau des Films. Vor jeder Einstellung hat er mir immer wieder neu Lust gemacht, so als ob die Dreharbeiten gerade erst begonnen hätten. Wir hatten das einzigartige Gefühl vom Ersten Mal.

 

Karin Viard

(Céline)

 

Karin Viard wächst bei ihren Großeltern in der Normandie auf. Nachdem sie in Rouen einige Schauspielkurse belegt hat, packt sie ihre Koffer und fährt als Teenager nach Paris, um ihr Glück beim Film zu versuchen. Nach etlichen Casting-Niederlagen und ein paar Fernsehfilmen ergattert sie schließlich ihre erste winzige Kinorolle als Kosmetikerin in Etienne Chatilliez' Komödie TANTE DANIELLE. Immerhin engagiert sie kurz darauf das Regie-Duo Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet (AMELIE) als dralle Sexbombe für die schwarze Kultkomödie DELICATESSEN.

Ihre erste große Rolle spielt sie in LA NAGE INDIENNE von Xavier Durringer. Ihre pragmatische, humorvolle Kämpfernatur kann sie nicht nur als glücklose Urlauberin in SINGELS UNTERWEGS von Philippe Harel unter Beweis stellen. Viard zeigt sich gerne als weiblicher Don Quijotte auf der Suche nach dem Glück. Vor allem in DIE NEUE EVA von Catherine Corsini spielt sie das energiegeladene, in einen verheirateten Mann verliebte Mauerblümchen so unverwechselbar, dass sie für vielen Frauen zur Identifikationsfigur ihrer eigenen Liebeswirren wurde.

Den nächsten Höhepunkt ihrer Karriere verdankt sie aber einem anderen Film. Für ihre schwierige Rolle in HAUT LES CŒURS als krebskranke Schwangere, die zwischen Todesangst und Lebenslust schwankt, gewinnt sie 2000 einen César als beste Darstellerin. Die Auszeichnung gibt ihrer Karriere den nötigen Aufschwung. Ihre inneren und äußeren Wandlungen machen sie zum Chamäleon des französischen Films. Ihr Markenzeichen bleibt dabei die unbeugsame Selbstironie, mit der sie auch den übelsten Tiefschlägen im Leben ihrer Figuren eine humorvolle Note abgewinnen kann.

Ohne sich dabei auf rein populäre Rollen festzulegen, wechselt sie zwischen Komödien und dramatischen Autorenfilmen. So spielt sie in Laurent Cantets Drama AUSZEIT, in Costa-Gavras' LE COUPERET, in JE SUIS UN ASSASSIN von Thomas Vincent, aber auch in den Beziehungs-Komödien REINES D'UN JOUR, L'EX-FEMME DE MA VIE und EMBRASSEZ QUI VOUS VOUDREZ von Michel Blanc und gewinnt für letztere Rolle 2002 wieder einen César, diesmal als beste Nebendarstellerin. Zukunftsängste, die sie noch vor einigen Jahren plagten, muss sie jetzt wohl nicht mehr haben. Karin Viard steht auch ohne den großen Star-Auftritt kurz davor, durch ihr geerdetes Talent zu einer der bestbezahltesten Schauspielerinnen des französischen Kinos zu werden.

 

Filmografie (Auswahl)

 

2005 L’ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

LES ENFANTS

Regie: Christian Vincent

LE COUPERET

Regie: Costa Gavras

2004 L’EX FEMME DE MA VIE

Regie: Josiane Balasko

2003 JE SUIS UN ASSASSIN

Regie: Thomas Vincent

2002 FRANCE BOUTIQUE

Regie: Tonie Marshall

EMBRASSEZ QUI VOUS VOUDREZ

Regie: Michel Blanc

L’EMPLOI DU TEMPS (Auszeit)

Regie: Laurent Canet

REINES D’UN JOUR

Regie: Marion Vernoux

LA PARENTHESE ENCHANTEE

Regie: Michel Spinosa

1999 LES ENFANTS DU SIECLE

Regie: Diane Kurys

1998 HAUT LES CŒURS

Regie: Solveig Anspach

LA NOUVELLE EVE (Die neue Eva)

Regie: Catherine Corsini

1996 JE NE VOIS PAS CE QU'ON ME TROUVE

(Ich versteh' nicht, was man an mir findet)

Regie: Christian Vincent

LES RANDONNEURS (Singles unterwegs)

Regie: Philippe Harel

FOURBI

Regie: Alain Tanner

1995 ADULTERE MODE D’EMPLOI (Seitensprung für Anfänger)

Regie: Christine Pascal

LA HAINE

Regie: Mathieu Kassovitz

1994 LA SEPARATION (Trennung)

Regie: Christian Vincent

1993 LA NAGE INDIENNE

Regie: Xavier DURRINGER

1992 RIENS DU TOUT (Kleine Fische, große Fische)

Regie: Cédric Klapisch

1991 DELICATESSEN (Delikatessen)

Regie: CARO & JEUNET

1989 TATIE DANIELLE (Tante Danielle)

Regie: Etienne CHATILLIEZ

 

Im Gespräch mit Karin Viard

 

Ich habe Danis Tanovic auf dem Filmfestival von Cannes kennen gelernt, als wir beide Mitglieder der Jury waren. Dieser Junge ist hochbegabt! Er ist nicht nur musikalisch, sondern hat auch einen feines Gespür für Poesie und Literatur. Er macht seine Film so wie er sich die Nase putzt - ganz selbstverständlich und einfach. Dazu kommt seine Eleganz und die Großzügigkeit, den anderen seine Bedenken oder Ängste zu ersparen. Er lässt dem anderen die Freiheit, so zu sein wie er ist. Ich mochte seinen ersten Film NO MAN'S LAND sehr, und habe ihn mehrmals gesehen. Daher wollte ich auch seinem Wunsch folgen, als er mir das Drehbuch von WIE IN DER HÖLLE anbot. Er ließ mir die Wahl unter den drei Schwestern. Ich habe Céline gewählt, weil sie mich besonders interessierte.

 

Ich fühlte mich sofort von der tragischen Dimension der Figuren angezogen. Die Geopferten kann ich gut verstehen! In den Rubriken Vermischtes wimmelt es von Töchtern oder Söhnen, die nicht unabhängig von ihren Eltern existieren durften. Ihre Aufopferung hat eine mythologische Dimension. Ich fand es faszinierend, dort nachzugraben und mich einem Menschen zu nähern, der sein eigenes Leben komplett zurückstellt. Da Céline mir nicht ähnelt, fiel es mir anfangs schwer, den richtigen Ton, die richtige Stimmung beim Spielen zu finden. Gleichzeitig begeisterte mich die Arbeit der Annäherung an die Figur. Mit Tanovic zu drehen ist so, als spränge man in eiskaltes Wasser. Wenn man aus dem Wasser kommt, fühlt man sich unglaublich lebendig, weil das heiße Blut durch den Körper schießt.

 

Céline flieht vor ihrem eigenen Leben, sie ignoriert ihre eigenen Wünsche, um sich um ihre Mutter zu kümmern. So, als wolle sie etwas kompensieren. Céline ist einsam und man kann sich gut vorstellen, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen hat. Trotzdem wirkt sie nicht verbittert. Sie findet sich damit ab, dass sie zu bestimmten Dingen eben keinen Zugang hat. Ich wollte aus Céline keine Nonne machen, sondern ein Frau darstellen, die das Geheimnis in sich trägt, nicht zu existieren. Ihre Begegnung mit Sébastien weckt sie aus einer langen Lethargie. Um Kontakt mit ihr aufzunehmen, wählt Sébastien ein Gedicht von Mesa Selimovic:

 

Im Dasein, im Erdulden, welkt mein Herz.

Ein Schatten verfolgt mein einstiges Selbst,

Im Erdulden, im Dasein.

Im Suchen hab ich mich verloren.

Im Hoffen, im Warten träum ich das Leben,

Leb ich in Träumen.

Ich verhülle mein Herz, ich klage es an

 

In diesem Moment spricht Sébastien von ihr auf so intime Weise, dass sie es zulässt, sich zu verlieben. Danis Tanovic hat uns diese intime Szene schon am zweiten Drehtag spielen lassen. Guillaume Canet und ich waren noch unsicher und tasteten uns voran. Danis hat ganz bewusst von unserem mangelnden Selbstbewusstsein profitiert, denn diese Unsicherheit entsprach genau der Situation der Figuren in diesem bestimmten Moment. Danis hat die Spannung, die in den schwierigen Szenen herrschte, immer wieder durch seinen Humor aufgelockert und uns zwischen den Einstellung zum Lachen gebracht. Das ist eine wunderbare Methode. Denn so konnte sich meine Phantasie und Freiheit immer wieder aufs Neue entfalten.

 

Das Verhältnis zwischen Céline und ihrer Mutter besteht aus einer Verflechtung vielschichtiger Gefühle. Ihre Beziehung kreist um eine bestimmte Form der Verrücktheit. Trotzdem kann sich weder die eine noch die andere aus diesem schrecklichen Gefängnis befreien, dass sie aneinander kettet. Céline hat ihr eigenes Leben aufgegeben, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Sie ist die einzige der drei Schwestern, die sie nicht als grausame Medea sehen will. Céline versucht auch, das Bild ihres Vaters zu bewahren. Gäbe sie ihre Mutter auf, würde sie den Vater endgültig töten. Also will sie gleichzeitig den Vater und die Mutter, die Eltern und die Familie verkörpern.

 

Céline verändert sich, weil sie Sébastien im richtigen Moment trifft. Wenn sie ihre Schwester Sophie fragt: „Hast Du nie daran gedacht, dass eine Art Fluch auf Dir lastet, der Dich am Weiterkommen hindert?", dann ist sie sich bewusst, dass sie sich diesem Fluch stellen muss, den sie auf sich genommen hat. Sie besitzt das Gift, aber auch das Gegengift. In diesem Sinn finde ich den Film optimistisch, weil die drei Schwestern eine positive Entwicklung nehmen.

 

Danis Tanovic braucht nur wenig Worte, um das Wesentliche auszudrücken. Man kann in WIE IN DER HÖLLE dieselbe Lebendigkeit finden wie in NO MAN'S LAND. Denn Danis Tanovic ähnelt seinen Filmen - er trägt etwas Tragisches und Zerbrochenes in sich aber gleichzeitig ist er unglaublich lebendig, voller Energie und Humor.

 

Marie Gillain

(Anne)

 

Marie Gillain wächst als Tochter eines Journalisten in Belgien auf dem Land auf. Schon früh nimmt sie Tanz- und Schauspielunterricht und träumt von einer Karriere im Zirkus. In Brüssel lässt sie sich zum Clown ausbilden und spielt in einer Amateur-Theatertruppe. Hartnäckig verfolgt sie ihren Traum einer Kinokarriere und bewirbt sich um die Hauptrolle in der Duras-Verfilmung DER LIEBHABER. Obwohl sie nicht genommen wird, fällt sie einem Casting-Direktor auf und zieht schon bald das große Los: Als 14-Jährige setzt sie mit ihrem frischen Charme die Autorität ihres Leinwandvaters Gérard Depardieu in der Komödie MEIN VATER, DER HELD außer Kraft, wird für einen César nominiert und schlagartig berühmt.

 

Bertrand Tavernier macht sie drei Jahre später zu seinem DER LOCKVOGEL (Goldener Bär der Berlinale) und Marie Gillain überzeugt darin als amoralische Komplizin einer Betrügerbande. Für diese faszinierende Mischung aus kindlicher Unschuld und Berechnung bekommt sie 1996 den Darstellerpreis Romy Schneider. Zur gleichen Zeit steht sie zum ersten Mal auf der Bühne, diesmal als echte Unschuld in „Das Tagebuch der Anne Frank".

Im Kino spielt sie zusammen mit Isabelle Huppert in der italienischen Goethe-Verfilmung DIE WAHLVERWANDSCHAFTEN der Taviani-Brüder. Dann zeigt sie in einem anderen Kostümfilm, DUELL DER DEGEN, auch einem größeren Publikum ihre romantische Grazie und bringt ihren Partner Daniel Auteuil beim Fechten außer Atem. Später arbeitet sie dann, in der Rolle einer verliebten Prostituierten, erneut mit Bertrand Tavernier in DER PASSIERSCHEIN. In NOT FOR NOT AGAINST - ES GIBT KEIN ZURÜCK führt sie als Journalistin eine Gruppe von Bankräubern an der Nase herum.

Durch ihre Werbeverträge mit verschiedenen Kosmetikkonzernen kann es sich Marie Gillain erlauben, frei zwischen kleinen und großen Rollen zu wählen und auch in Erstlingsfilmen zu spielen. So macht sie sich etwa in TOUT LE PLAISIR EST POUR MOI auf die Suche nach ihrem verlorenen Orgasmus. Nach ihrer Darstellung als unglücklich verliebte Studentin in WIE IN DER HÖLLE wird sie bald auch im neuen Film von Régis Wargnier, PARS VITE ET REVIENS TARD, in BLACK BOX an der Seite von Romain Duris und in der internationalen Produktion BOB’S NOT GAY zu sehen sein.

 

Filmografie (Auswahl)

2006 BOB’S NOT GAY

Regie: Jane Spencer

BLACK BOX

Regie: Fabrice Genestal

PARS VITE ET REVIENS TARD

Regie: Régis Wargnier

2005 L’ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

2003 TOUT LE PLAISIR EST POUR MOI

Regie: Isabelle Broue

NI POUR NI CONTRE

(Not For, Not Against - Es gibt kein zurück)

Regie: Cédric Klapisch

2002 LAISSER PASSER

(Der Passagierschein)

Regie: Bertrand Tavernier

2001 ABSOLUMENT FABULEUX

Regie: Gabriel Aghion

1999 LAISSONS LUCIE FAIRE

Regie: Emmanuel MOURET

1998 HAREM SUARE

Regie: Ferzan Ozpetek

LE DINER

Regie: Ettore Scola

1997 LE BOSSU

Regie: Philippe de Broca

1996 UN AIR SI PUR

Regie:Yves Angelo

1995 LES AFFINITES ELECTIVES (Wahlverwandschaften)

Regie: Vittorio et Paolo Taviani

L’APPAT (Der Lockvogel)

Regie: Bertrand Tavernier

1991 MON PERE CE HEROS (Mein Vater, der Held)

Regie: Gérard Lauzier

 

Im Gespräch mit Marie Gillain

 

Ich war beeindruckt, ein Drehbuch in den Händen zu halten, das von Kieslowskis inspiriert war. Kieslowski ist ein Regisseur, den ich bewundere. Die andere frohe Botschaft war, dass dieses Projekt von Danis Tanovic verwirklicht werden sollte. Sein Film NO MAN'S LAND hat mich durch seinen rohen, radikalen und ironischen Stil berührt. Ich war neugierig zu sehen, wie sich diese beiden Universen begegnen würden und wie sich Tanovic, der die Absurdität des Krieges so mutig und intensiv gezeigt hatte, sich in die Intimität der Liebe vertiefen würde.

Meine erste Begegnung mit Tanovic war nicht gerade besonders Kieslowskisch. Vor mir stand eine Art bosnischer Bär, der seine pechschwarzen Augen wie Kalaschnikows auf mich richtete! Ich konnte ihn gut verstehen - schließlich hatte ich gerade erst entbunden und wirkte in dem Café von Saint-Germain wie ein gestrandeter Wal. Wir haben also zwei riesige Biere getrunken und uns über Belgien und Holzfäller unterhalten. Danis hat nach seiner Flucht aus Bosnien in Belgien Bäume gefällt. Ich habe dort meine ganze Kindheit verbracht. Wir haben uns also kennen gelernt, bevor wir auf Kieslowski zu sprechen kamen. Wir haben uns gegenseitig sofort vertraut.

 

Ich fühlte mich von der Figur der Anne angezogen, weil sie wild, leidenschaftlich aber auch verzweifelt ist. Sobald sie einem geliebten Mann gegenübersteht, rauscht ihr das Blut durch die Adern. Und wenn er sie verlässt, verkümmert sie und stirbt. Sie befindet sich ständig in einem fiebrigen Zustand und hat eine beinahe besessene Entschlossenheit. In der Liebe zu ihrem Professor Frédéric spielt natürlich auch das Bild ihres Vaters eine Rolle. Diese Liebe ist besonders schmerzhaft, weil sie ihren Vater als eine Art Monster sieht, das sie verlassen hat. Anne ist also verloren zwischen der Liebe zum Vater und ihrer Liebe zur Vaterfigur Frédéric. Sie projiziert ihre ganzen Kindheitsängste in den Mann, der heute ihr Leben teilt. Sie versucht vergeblich, zu verstehen, warum er sie verlässt, aber gerade weil er sie verlässt, hört sie nicht auf, ihn zu lieben.

 

Angesichts des Leidens der anderen wirkt Annes Handlungsweise möglicherweise egoistisch. Sie wird ihre einzige Freundin für die Liebe dieses Mannes betrügen und wird deren Familie auf der Suche nach Anerkennung zerstören. Ich glaube, dass ihr Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung so stark und schmerzhaft ist, dass sie es weder verstehen noch bewältigen kann. Sie liebt diesen Mann, aber auch seine Familie und den Platz, den sie in ihr gefunden hat. Als Frédéric stirbt fühlt sie sich doppelt verwaist.

 

Für mich ist Anne wie ein kleiner Soldat, der versucht, seine Haut zu retten. Sie hat die schreckliche Abwesenheit des Vaters erlebt. Céline bleibt bei der Mutter, Sophie bleibt in ihrem Trauma. Anne reißt aus, um nicht zu versinken und geht dann trotzdem unter. In ihrer Beziehung zu Frédéric gibt es ein echtes intellektuelles Einverständnis. Sie bewundert seine Ideen. In ihrem Vortrag über Medea hat sie das Thema nicht rein zufällig gewählt, wenn sie sagt: „Euripides zeigt uns: Wenn der Druck auf die Frauen aufrecht erhalten wird, ist eine Explosion nahezu unvermeidlich und die Kinder werden dabei - wie bei Medea - in Stücke gerissen." Aber sie sagt auch: „Die Tragödie ist heutzutage nicht mehr möglich." Sie betont die Verletzlichkeit der Menschen, deren Leiden durch die Verbindung menschlicher und göttlicher Handlungen ausgelöst wird.

 

Unser Leben besteht oft aus Entscheidungen und Gefühlen, die uns entgleiten. Ich will nicht sagen, dass wir uns für unser Handeln schuldig fühlen sollen, aber ich finde die Idee einer göttlichen Dimension in unserem Leben ziemlich beruhigend.

 

Die Dreharbeiten zu diesem Film waren für mich wie ein echtes Geschenk des Kinos und eine echte Begegnung mit einem Regisseur. Ich habe alle Stimmungen durchlaufen, die man erlebt, wenn man seinen ersten Film dreht. Diesmal fiel es mir leicht, morgens für die Dreharbeiten aufzustehen, denn die Begeisterung, die Freude und das ansteckende Gruppengefühl gaben uns die dazu nötige Energie. Es war ein großes Vergnügen, von Danis Tanovic geführt zu werden, denn er schaffte es, dass wir bei Dreharbeiten immer ein Lächeln auf den Lippen hatten.

 

Carole Bouquet

(Die Mutter)

 

Für viele wird ihre kühle Schönheit immer mit DIESES OBSKURE OBJEKT DER BEGIERDE verbunden sein, ihrer erste Filmrolle als unnahbare Conchita bei Luis Bunuel. Der spanische Regisseur hatte die junge Pariserin entdeckt, als sie noch auf die staatliche Pariser Schauspielschule, das Conservatoire, ging. Der Erfolg des Films macht sie 1978 international so bekannt, dass sie für die Hauptrolle in MOONRAKER im Gespräch ist und schon bald als Bond-Girl IN TÖDLICHER MISSION an der Seite von Roger Moore auftaucht. Da Bouquet aber nicht bloß als dekoratives Schmuckstück ausgestellt werden möchte, beginnt sie gegen ihr Image von der eisigen Ikone anzuspielen. Vor allem in den provokanten Filmen des Regisseur Bertrand Blier findet sie interessante Rollen. Das ehemalige Bond-Girl verkörpert den Tod in Bliers BUFFET FROID und überzeugt als psychisch labile Frau in Werner Schroeters DER TAG DER IDIOTEN.

1985 tritt sie zum ersten Mal zusammen mit Gérard Depardieu in RIVE DROITE, RIVE GAUCHE auf und steht wenig später wieder mit ihm vor der Kamera: In Bliers Film mit dem für sie so bezeichnenden Titel ZU SCHÖN FÜR DICH spielt sie eine vorbildliche Ehefrau, die ihr Mann (Gérard Depardieu) mit seiner hässlichen Sekretärin betrügt. Für diese Mischung aus Tiefe und Selbstironie wird sie 1989 mit dem César als beste Darstellerin ausgezeichnet.

 

Auch in den nächsten Jahren versucht sie, in bitter-süßen Komödien wie TANGO von Patrice Leconte oder in GROSSE FATIGUE und KÜSS MICH WENN DU WILLST von Michel Blanc ihren Status als Botschafterin von Chanel vergessen zu machen. Sie beweist ihre innere Stärke in der Rolle der Widerstandskämpferin LUCIE AUBRAC oder als beunruhigende Ehefrau in NÄCHTLICHE IRRFAHRT. In DIE BRÜCKE VON AMBREVILLE spielt sie als romantische Heldin unter der Regie von Gérard Depardieu, mit dem sie auch liiert war.

Seit Jahren engagiert sich die Schauspielerin für den Schutz der Kinder auf der ganzen Welt. So versteht sich, dass sie in NORDESTE eine Frau spielt, die nach Argentinien fährt, um dort ein Kind zu adoptieren. Nach ihrer Rolle als grausame Mutter in WIE IN DER HÖLLE und einigen Fernsehmelodramen lässt sie das tragische Register für einen Moment ruhen. Ihrer aristokratischen Ausstrahlung entsprechend wird sie demnächst als Königin im getanzten Märchen AURORE herrschen.

Filmografie (Auswahl)

2006 UN AMI PARFAIT

Regie: Francis Girod

AURORE

Regie: Nils Tavernier

2005 L'ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

TRAVAUX, ON SAIT QUAND CA COMMENCE

Regie: Brigitte Roüan

NORDESTE

Regie: Juan Diego Solanas

2004 FEUX ROUGES (Nächtliche Irrfahrt)

Regie: Cédric Kahn

EMBRASSEZ QUI VOUS VOUDREZ (Küss mich, wenn du willst)

Regie: Michel Blanc

1999 UN PONT ENTRE DEUX RIVES

(Die Brücke von Ambreville)

Regie: Frédéric Auburtin, Gérard Depardieu

EN PLEIN CŒUR

Regie: Pierre Jolivet

1998 LUCIE AUBRAC

Regie: Claude Berri

POUSSIERES D'AMOUR (Abfallprodukte der Liebe)

Regie: Werner Schroeter

1994 GROSSE FATIGUE

Regie: Michel Blanc

A BUSINESS AFFAIR (Liebe und andere Geschäfte)

Regie: Charlotte Brandstrom

1993 TANGO (Tango Mortale)

Regie: Patrice Leconte

1989 TROP BELLE POUR TOI

Regie: Bertrand Blier

NEW YORK STORIES (New Yorker Geschichten)

Regie: Francis Ford Coppola, Woody Allen, Martin Scorsese

1984 RIVE DROITE, RIVE GAUCHE

Regie: Philippe Labro

1982 DER TAG DER IDIOTEN

Regie: Werner Schroeter

FOR YOUR EYES ONLY (James Bond 007 - In tödlicher Mission)

Regie: John Glen

1979 BUFFET FROID (Den Mörder trifft man am Buffet)

Regie: Bertrand Blier

1978 CET OBSCUR OBJET DU DESIR (Dieses obskure Objekt der Begierde)

Regie: Luis Bunuel

 

Im Gespräch mit Carole Bouquet

 

Bei meinem ersten Treffen mit Danis Tanovic fühlte ich mich so wie bei meiner Begegnung mit der Widerstandskämpferin Lucie Aubrac. Von diesen beiden Menschen, die von ihrem Kampf geprägt wurden, geht eine körperliche Stärke aber auch eine Sanftheit aus. Diese Mischung hat mich sehr verwirrt. Als ich kürzlich als Schirmherrin des Filmfestivals in Sarajewo war, hat mir Danis die Stadt gezeigt. Erst da konnte ich verstehen, was er durchgemacht hat. Es gibt dort keinen Ort, der ihn nicht an den Tod eines Freundes erinnert. Er hat mir alle Stellen gezeigt, an denen er sich versteckt und sein Leben riskiert hat - wie etwa die Brücke, die er zweimal täglich unter dem Beschuss der Snipers überquerte. Damals war er ungefähr zwanzig Jahre alt und diese Ereignisse sind in ihm heute noch sehr lebendig, auch wenn er in Paris nur selten davon spricht. Sein Film ist wahrscheinlich daher so ausgereift, weil er sich schon früh mit einer schrecklichen Realität auseinandersetzen musste. Dazu kommt natürlich sein Handwerk und sein Talent.

 

Das ursprüngliche Drehbuch Kieslowskis war ein kurzes Treatment über eine Frau mit drei Töchtern, deren Mann aus dem Gefängnis nach Hause zurückkehrt. Alles andere blieb offen. Die Figuren waren überhaupt nicht ausgearbeitet. Tanovic hat eine erstaunliche Arbeit am Drehbuch geleistet und sich diese Geschichte vollkommen zu eigen gemacht. Ich habe die verschiedenen Drehbuch-Versionen mitverfolgt. Danis hat eine beispielhafte Struktur geschaffen und sie beim Schnitt weiter verfeinert. Er erzählt uns diese Geschichte unabhängig von einer Chronologie der Ereignisse in Bildern und Metaphern. So kann man als Zuschauer tief in die Vielschichtigkeit jeder Figur eintauchen, ohne dass der Film psychologische Erklärungen liefern muss. Tanovic berührt uns, aber vermeidet dabei jede Form von Gefühlsduselei.

 

Ich hatte selbst öfter mit Fällen von Gewalt in der Familie zu tun, bei denen man ein archaisches Verhalten beobachten kann. Der Film übertreibt nicht und diese Geschichte wirft eine Reihe von wichtigen Fragen auf. Danis wollte nicht, dass ein endgültiges Urteil über die Charaktere gefällt wird. Denn im Grunde gibt es keine zufriedenstellende Antwort. Man weiß nicht genau, was geschehen ist, aber man muss sich mit den Auswirkungen auseinandersetzen. Danis zeigt uns, dass das Leiden jeder Figur sichtbar und greifbar nahe ist. Dieses Leiden ist die Wahrheit jedes Einzelnen.

 

Anne vergleicht ihre Mutter mit Medea. Das ist ihre Überzeugung, aber auf diese Art will sie Rechnungen begleichen, die nicht unbedingt etwas mit ihrer Familiengeschichte zu tun haben. Es ist nicht die Wahrheit, sondern ihre Wahrheit. Wir kennen ja das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern.

 

Die Figur der Medea fasziniert mich. Ich kann mir den Schmerz vorstellen, der sie zerreißt, aber trotzdem ist sie ein Monster. Danis Tanovic versucht nicht, Medea als Figur wieder aufleben zu lassen. Der Film spart sich überflüssige psychologische Details, um sich auf die tragische Dimension der Geschichte zu konzentrieren. Da die Mythen auch heute noch unsere Sicht auf die Welt beeinflussen, können wir viel aus ihnen lernen. Das Schreckliche wird ausgesprochen, die Gewalt beschrieben und das Schlimmste ist möglich. In diesem Sinne bieten uns die Mythen eine bessere Hilfe als eine Moralpredigt. Danis Tanovic gelingt es, im Herzen seiner Geschichte mythologische und philosophische Splitter einzubauen, die eine Spannung erzeugen und die Handlung vorantreiben.

 

Der von Jacques Perrin gehaltene Vortrag über „Schicksal und Zufall" ist großartig. Alle Figuren des Films stehen einer unmöglichen Liebe gegenüber - so wie wir alle, früher oder später. Es ist natürlich kein Zufall, dass der Film WIE IN DER HÖLLE heißt!

 

Glücklicherweise fanden die Dreharbeiten in einer humorvollen Atmosphäre statt. Eine gute Stimmung war wirklich nötig, um vier Tage lang die Gewalt meiner Szene mit Miki Manojlovic zu ertragen! Die Dreharbeiten waren ein schönes Abenteuer, die Arbeit mit Danis ein ständiges Vergnügen. Auf dem Set amüsiert er sich wie ein Kind. Er ist da, fühlt sich gut und dreht!

Guillaume Canet

(Sébastien)

Guillaume Canet ist zusammen mit Romain Duris und Benoît Magimel einer der vielversprechenden jungen französischen Schauspieler. Oft verkörpert er den romantischen, scheinbar naiven Jeune Premier. In THE BEACH spielt er an der Seite von Leonardo di Caprio. Als Regisseur hat er bereits zwei Spielfilme gedreht: zuletzt NE LE DIS A PERSONNE und davor MON IDOLE mit seiner früheren Frau Diane Krüger.

Filmografie (Auswahl)

2005 NE LE DIS A PERSONNE

Regie: Guillaume Canet

UN TICKET POUR L'ESPACE

Regie: Eric Lartigau

L'ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

2004 NARCO

Regie: Tristan und Gilles

JOYEUX NOËL (Merry Christmas)

Regie: Christian Carion

JEUX D'ENFANTS (Liebe mich, wenn du dich traust)

Regie:Yann Samuell

2002 MON IDOLE

Regie: Guillaume Canet

VIDOCQ

Regie: Pitof

LE FRÈRE DU GUERRIER

Regie: Pierre Jolivet

2000 LA FIDÉLITÉ

Regie: Andrzej Zulwaski

LES MORSURES DE L'AUBE

Regie: Antoine De Caunes

THE DAY THE PONIES COME BACK

Regie: Jerry Schatzberg

JE RÈGLE MON PAS SUR LE PAS DE MON PÈRE

Regie: Rémy Waterhouse

THE BEACH

Regie: Danny Boyle

CEUX QUI M'AIMENT PRENDRONT LE TRAIN

(Wer mich liebt, nimmt den Zug)

Regie: Patrice Chéreau

EN PLEIN CŒUR

Regie: Pierre Jolivet

BARRACUDA (Barracuda - Vorsicht Nachbar)

Regie: Philippe Haïm

 

Jacques Gamblin

(Pierre)

Seitdem er in Chabrols Ehethriller AU CŒUR DU MONSONGE neben Sandrine Bonnaire spielte, hat sich der elegante Jacques Gamblin als subtiler Charakterdarsteller in der französischen Kinolandschaft etabliert.

Filmografie (Auswahl)

2005 LES IRREDUCTIBLES

Regie: Renaud Bertrand

LES BRIGADES DU TIGRE

Regie: Jérôme Cornuau

SERKO

Regie: Joël Farges

L’ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

2004 25 DEGRES EN HIVER (25 Grad im Winter)

Regie: Stéphane Vuillet

HOLY LOLA

Regie: Bertrand Tavernier

2003 DISSONANCES

Regie: Jérôme Cornuau

À LA PETITE SEMAINE

Regie: Sam Karmann

2002 LAISSEZ-PASSER (Der Passierschein)

Regie: Bertrand Tavernier

CARNAGES

Regie: Delphine Gleize

2001 MADEMOISELLE

Regie: Philippe Lioret

BELLA CIAO

Regie: Stéphane Giusti

1999 AU CŒUR DU MENSONGE (Die Farbe der Lüge)

Regie: Claude Chabrol

LES ENFANTS DU MARAIS (Ein Sommer auf dem Land)

Regie: Jean Becker

1998 KANZO SENSEÏ

Regie: Shohei Imamura

1997 TENUE CORRECTE EXIGÉE

Regie: Philippe Lioret

MAUVAIS GENRE

Regie:Laurent Benegui

1996 PÉDALE DOUCE (Auch Männer mögen's heiss)

Regie: Gabriel Aghion

1995 LES MISERABLES

Regie: Claude Lelouch

LE PETIT MARGUERY (Hippolytes Fest)

Regie: Laurent Benegui

À LA VIE, À LA MORT

Regie: Robert Guédiguian

1994 LES BRAQUEUSES

Regie: Jean-Paul Salomé

1993 TOUT ÇA… POUR ÇA!

Regie: Claude Lelouch

1992 LA BELLE HISTOIRE

Regie: Claude Lelouch

Jacques Perrin

(Frédéric)

Als Prince Charmant hat sich Jacques Perrin in Jacques Demys Kultfilm PEAU D’ÂNE (ESELSHAUT) verewigt. Und seit langem ist er nicht nur in Frankreich sondern auch in Italien als romantischer Verführer bekannt. Seine Karriere beginnt in den 50er und 60er Jahren an der Seite von Claudia Cardinale und Marcello Mastroianni. Markante Rollen spielt er in den politisch engagierten Filmen von Costa-Gravras und später in CINEMA PARADISO, DER PAKT DER WÖLFE und DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU.

In letzter Zeit widmet er sich verstärkt auch der Produktion. Seine Begeisterung für die Natur und die Sorge für den Artenschutz hat er in seinem Dokumentarfilm DIE NOMADEN DER LÜFTE (2001) bildgewaltig ausgedrückt.

 

Filmografie (Auswahl)

 

2005 L’ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

2004 LE PETIT LIEUTENANT

Regie: Xavier Beauvois

LES CHORISTES (Die Kinder des Monsieur Mathieu)

Regie: Christophe Barratier

2001 LE PEUPLE MIGRATEUR (Nomaden der Lüfte)

Regie: Jacques Perrin

2000 LE PACTE DES LOUPS (Der Pakt der Wölfe)

Regie: Christophe Gans

SCENES DE CRIME

Regie: Frédéric Schoendoerffer

1992 DIE ZEIT DES ZORNS

Regie: Margarethe Von Trotta

1988 NUOVO CINEMA PARADISO (Cinema Paradiso)

Regie: Giuseppe Tornatore

1975 SECTION SPECIALE

Regie: Costa Gavras

1970 PEAU D'ANE (Eselshaut)

Regie: Jacques Demy

1968 Z (Z)

Regie: Costa Gavras

1967 LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT (Die Mädchen von Rochefort)

Regie: Jacques Demy

1960 LA VERITE (Die Wahrheit)

Regie: Henri-Georges Clouzot

LA RAGAZZA CON LA VALIGLIA (Das Mädchen mit dem leichten Gepäck)

Regie: Valerio Zurlini

1958 LES TRICHEURS (Die sich selbst betrügen)

Regie: Marcel Carné

 

Jean Rochefort

(Louis)

Als unwiderstehlich witziger Grandseigneur hat sich Jean Rochefort in über 100 Rollen durch die französische Filmgeschichte ins Herz des Publikums gespielt.

 

Erst tritt er in Kostümfilmen, später in schwarzen Komödien auf. Inzwischen hat sich der unverwechselbare Schnurrbartträger auch als Charakterdarsteller bei Bertrand Tavernier (L'HORLOGER DE SAINT PAUL) und Patrice Leconte (LE MARI DE LA COIFFEUSE, RIDICULE) einen Namen gemacht. Seinem Traum, den Ritter der traurigen Gestalt zu spielen, kam er in Terry Gilliams Film-Projekt „Don Quichotte" zum Greifen nah. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn zum Rückzug.

Filmografie (Auswahl)

2006 LE DIS A PERSONNE

Regie: Guillaume Canet

2005 L'ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

AKOIBON

Regie: Edouard Baer

2002 LOST LA MANCHA

Regie: Keith Fulton, Louis Pepe

L'HOMME DU TRAIN (Das Zweite Leben des Monsieur Manesquier)

Regie: Patrice Leconte

2001 LE PLACARD (Ein Mann sieht rosa)

Regie: Francis Veber

1999 BARRACUDA (Barracuda - Vorsicht Nachbar!)

Regie: Philippe Haïm

RIDICULE (Ridicule - Von der Lächerlichkeit des Scheins)

Regie: Patrice Leconte

1994 PRET-A-PORTER (Prêt-à-Porter)

Regie: Robert Altman

1993 TANGO (Tango Mortale)

Regie: Patrice Leconte

1990 LE MARI DE LA COIFFEUSE (Der Mann der Friseuse)

Regie: Patrice Leconte

1989 JE SUIS LE SEIGNEUR DU CHÂTEAU

Regie: Régis Wargner

1987 TANDEM

Regie: Patrice Leconte

LES MAGICIENS (Die Schuldigen mit den sauberen Händen)

Regie: Claude Chabrol

LES INNOCENTS AUX MAINS SALES

(Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen)

Regie: Claude Chabrol

QUE LA FETE COMMENCE

Regie: Bertrand Tavernier

1974 FANTOME DE LA LIBERTE

Regie: Luis Bunuel

L'HORLOGER DE SAINT-PAUL (Der Vollstrecker)

Regie: Bertrand Tavernier

1972 LE GRAND BLOND AVEC UNE CHAUSSURE NOIRE

(Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh)

Regie: Yves Robert

1966 ANGELIQUE ET LE ROI (Angélique und der König)

Regie: Bernard Borderie

Qui êtes-vous, POLLY MAGOO?

Regie: William Klein

 

Miki Manoljovic

(Der Vater)

Miki Manoljovic wurde auch über die Grenzen seiner serbischen Heimat mit den Filmen Emir Kusturicas bekannt. Durch seine unterschiedlichen Rollen in verschiedenen Sprachen ist er mittlerweile im gesamteuropäischen Kino zuhause. Er wird im nächsten Film von Emir Kusturica, PROMISE ME THIS, an der Seite von Juliette Binoche auftreten.

 

2007 PROMISE ME THIS (angekündigt)

Regie: Emir Kusturica

2005 L'ENFER (Wie in der Hölle)

Regie: Danis Tanovic

2004 HURENSOHN

Regie: Michael Sturminger

2003 GATE TO HEAVEN (Tor zum Himmel)

Regie: Veit Helmer

2001 MORTAL TRANSFER

Regie: Jean-Luc Beineix

1999 LES AMANTS CRIMINELS

Regie: François Ozon

CRNA MACHE, BELI MACOR (Schwarze Katze, weißer Kater)

Regie: Emir Kusturica

ARTEMISIA (Artemisia - Schule der Sinnlichkeit)

Regie: Agnès Merlet

1995 SOMEONE ELSE'S AMERICA (Paradies, Brooklyn)

Regie: Goran Paskaljevic

 

UNDERGROUND (Underground)

Regie: Emir Kusturica

1985 OTAC NA SLUZBE NOM PUTU (Papa ist auf Dienstreise)

Regie: Emir Kusturica

 

 

Danis Tanovic (Regie)

Im Jahr 1993 muss Danis Tanovic sein Studium an der Theaterakademie von Sarajewo wegen des Krieges abbrechen. In den ersten zwei Kriegsjahren ist er verantwortlich für das Filmarchiv der bosnischen Armee. Tanovic filmt das Geschehen täglich an der Front und seine Bilder werden in internationalen Filmen und Fernsehdokumentationen gezeigt. Vor Ende des Krieges geht er nach Belgien und lässt sich an der Brüsseler Filmakademie INSAS von 1995 bis 1997 zum Regisseur ausbilden. Er dreht zahlreiche Dokumentarfilme und Werbespots bevor ihm 2001 mit seinem fulminanten ersten Film NO MAN'S LAND der internationale Durchbruch gelingt: Seine bitterböse Kriegsfarce läuft im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes, erhält den Preis für das beste Drehbuch und beginnt ihre Reise um die Welt. Einige Monate später wird Tanovic mit dem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.

2005 L'ENFER (Wie in der Hölle)

11’09’’01 – SEPTEMBER, 11 (11’09’’01 – September 11)

Internationales Filmfestival von Venedig, Italien, 2002

NO MAN'S LAND

Internationales Filmfestival von Cannes, Frankreich, 2001

-Preis für das beste Drehbuch

Festival von Sarajewo, Bosnien, 2001

-Großer Preis der Jury

-Publikumspreis

Festival von San Sebastian, Spanien, 2001

-Publikumspreis

Europäischer Filmpreis 2001

-Preis für das beste Drehbuch

Golden Globes, USA, 2001

-Preis für den besten ausländischen Film

César, Frankreich, 2002

-Preis für den besten Debütfilm

Oscar, USA, 2002
-Preis für den besten ausländischen Film



 


Anzeige
 

Surftipps: User, die hier waren, besuchten übrigens auch diese Seiten: